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Was starr und groß ist, geht abwärts

27. März 2020

Heute bekommen Sie von mir so eine Art Überraschungsei.

Drei Dinge in einem, nämlich:

  • Spannung (was schreibt er jetzt schon wieder?)
  • Eine Übung
  • Und ein wenig Philosophie,
  • also gewissermaßen das Äquivalent zu Spannung, Spiel und Schokolade.

Ich stelle bei vielen Klienten fest, dass sie nicht mehr in der Lage sind, auch auf Hinweis, Bereiche ihres Körpers gezielt loszulassen - also einfach NICHTS zu machen.

Hier ist die Übung (dazu brauchen Sie einen Partner):

Ihr Partner stellt sich hin, die Arme an den Seiten. Nehmen Sie nun einen Arm ihres Partners und halten Sie ihn am Handgelenk zwischen Daumen und Zeigefinger fest und heben Sie den Arm Ihres Partners langsam an. Zu irgendeinem Zeitpunkt lassen Sie den Arm ohne Vorwarnung los. Sie werden mit mindestens einer Wahrscheinlichkeit von 90 % feststellen, dass Ihr Partner den Arm starr in der Luft halten wird. Das bedeutet, dass er aktiv diese Bewegung mitgemacht hat - also Muskeln kontrahierte.

Sie können diese Kontraktion als Armführender sogar selbst feststellen. So ein Arm wiegt gute 5 oder 6 kg. Dieses Gewicht müssen Sie beim Anheben spüren können. Ist das nicht der Fall, hält Ihr Partner fest. Üben Sie das einmal so lange, bis Ihr Partner in der Lage ist, den Arm so zu entspannen, dass auch bei plötzlichem Loslassen des Arms er einfach nach unten plumpst.

Sie können das natürlich auch auf andere Körperteile übertragen.

Sinn und Zweck dieser Übung ist es, dass man lernt, Kontrolle über seinen Bewegungsapparat wiederzuerlangen und unnötige Muskelanspannung zu vermeiden. Wenn Sie das nicht können, zeigt es, dass Sie zum einen diese Bereiche kaum noch willentlich ansteuern können, was zum Zweiten ein Indikator dafür ist, dass Sie auf gutem Wege zum Dauerschmerzpatienten sind. Dauerhafte Kontraktion tut eben irgendwann einmal weh. Versuchen Sie doch eine 10kg-Hantel eine halbe Stunde zu halten, während Ober- und Unterarm einen 90°-Winkel bilden.

Fortgeschrittene können diese Übung mit sich selbst machen. Bewegen Sie dazu einfach langsam, also in Zeitlupe, die Arme. Bei minimalem Muskeleinsatz müssen Sie das Eigengewicht Ihres Arms spüren. Falls nicht, halten Sie fest. Sollten Sie, wenn Sie bspw. langsam den Arm strecken, ein unangenehmes Ziehen bemerken, dann machen Sie weiter, denn Sie dehnen gerade auf Faszienebene (das ist übrigens das Hauptthema beim Unwinding).

Kinder übrigens haben mit dieser Übung überhaupt keine Probleme. Da plumpst der Arm ganz entspannt nach unten und klatscht richtig gegen den seitlichen Oberkörper. Erst mit zunehmender Verhunzung bspw. durch den Schulsport verliert sich diese Fähigkeit.

Bei Erwachsenen sieht das anders aus - manchen gelingt das gar nicht mehr. Falls Sie schon einmal eine Sitzung bei mir hatten, dann kennen Sie das, wenn ich an bestimmten Punkten sage: "Loslassen .... loslassen .... loslassen". Die Blicke mit gefühlten 45 Fragezeichen über dem Kopf "Was will der?" sind mir stets ein Quell der Freude ;-)

Die zunehmende Versteifung mit zunehmenden Alter entfernt Sie immer mehr vom Leben. Darüber alleine könnte ich jetzt noch ein wenig sprechen, zitiere aber lieber aus dem Tao Te King, das schon mehr als 2000 Jahre auf dem Buckel hat.

Achtung, jetzt kommt der Philosophie-Teil.

"76. Spruch Der Mensch ist bei seiner Geburt biegsam und zart, Bei seinem Tode steif und starr. Die zehntausend Wesen, die Kräuter und Bäume Sind bei Ihrem Entstehen biegsam und saftig, Bei ihrem Absterben trocken und dürr. Darum: Hart und starr sind des Todes Gefährten, Biegsam und zart sind des Lebens Gefährten. Darum: Sind Krieger starr, so siegen sie nicht, Sind Bäume erst starr, so opfert man sie. Was starr und groß ist, geht abwärts, Was biegsam und zart ist, geht aufwärts."

Bildnachweis: Into MüBu, "Daoismus", flickr.com - BY-ND 2.0

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