28.08.2020
„Nehmen Sie gefälligst Haltung an!“. „Halt dich gerade!“. „Brust raus, Bauch rein!“. Sie kennen diese Aussprüche sicherlich. Im Alltag sprechen wir von einer „Haltung“, von der wir meistens der Ansicht sind, dass sie nicht „gut“ ist. So versuchen wir etwa einen Rundrücken dadurch auszugleichen, indem wir uns aktiv aufrichten, uns gerade „halten“, nur um festzustellen, dass wir wenige Minuten später wieder in uns zusammengesackt sind.
Woran liegt es?
In dem Substantiv „Haltung“ steckt das Verb „halten“. Um beispielsweise aus einem Rundrücken herauszukommen, müssen wir uns mit Muskelkraft aktiv aufrichten. Das bedeutet, dass Sie bestimmte Muskeln kontrahieren müssen, um überhaupt in diese Haltung zu kommen. Ein Muskel kann eine Kontraktion nur für einen gewissen Zeitraum aufrechterhalten, dann ermüdet er. Sie können das einmal mit einer 10 kg oder irgendeinem anderen Gewicht ausprobieren. Nehmen Sie die Hantel in die Hand und beugen Sie den Arm, bis Unter- und Oberarm in etwa einen Winkel von 90 Grad haben. Versuchen Sie nun diese Position so lange wie möglich zu halten. Sie werden zunächst merken, dass Sie anfangen zu schwitzen. Irgendwann werden die Muskeln brennen und wehtun. Schließlich wird der Arm langsam nach unten sinken. Auch ein Dagegenarbeiten wird nicht mehr möglich sein. Der Muskel ermüdet und gibt nach.
Wenn Sie jetzt eine „Haltung“ einnehmen, kontrahieren Sie genau so mehrere Muskeln. Da diese aktive Kontraktion nur für einen bestimmten Zeitraum aufrechtzuerhalten ist, sacken Sie irgendwann in sich zusammen.
Die Muskeln müssen in diesem Fall gegen einen Zug aus dem eigenen Körper arbeiten. Und zwar gegen den Zug der Faszien. Diese besitzen die Eigenschaft der Plastizität. Sie passen sich den dominanten Bewegungen und Haltungen des Alltags an. Wenn Sie also überwiegend mit kurzer Vorderseite und rundem Rücken vor dem Bildschirm sitzen, wird sich das Gewebe so hinbauen, dass das Kurze in der Vorderseite verstärkt wird und die Länge in der Rückseite bestehen bleibt. Wenn Sie sich jetzt hinstellen und aufrichten, bleibt dieser Zug in der Vorderseite bestehen. Möchten Sie eine Haltung annehmen, müssen Sie den Zug der Faszie überwinden. Mit den soeben geschilderten Folgen. Der Muskel erlahmt, nicht aber die Faszie.
Deshalb interessieren sich Leute wie ich nicht für die „Haltung“, sondern für die Körperstruktur. Sie ist das Ergebnis der verschiedenen faszialen Züge im Körper. Körperstruktur meint die Position der Körpersegmente im Raum in Relation zueinander. Und zwar dann, wenn Sie sich gerade nicht aktiv ausrichten, sondern entspannt stehen. Körperstruktur ist das, was übrig bleibt.
Die verschiedenen Körpersegmente sind:
- Füße
- Unterschenkel
- Oberschenkel
- Becken
- Brustkorb
- Hals
- Kopf
Diese Segmente können in sich und zueinander unterschiedliche Positionen einnehmen. So kann ein Knie nach außen rotieren. Ein Becken kippen und/oder rotieren. Der Brustkorb kann zur Seite kippen oder auch rotieren. Ebenso können diese Segmente sich krümmen oder verschieben.
Die Summe der Körpersegmentpositionen im Verhältnis zueinander in Abwesenheit aktiver Ausrichtung durch Muskelanspannung ist die Körperstruktur. Sie gibt einem Therapeuten einen Eindruck der verschiedenen faszialen Zuglinien im Körper und bilden die Basis für die Arbeit mit dem Klienten.
Arbeiten Sie also an Ihrer Struktur, nicht der Haltung.
Bildnachweis: Doug Tammany, „Tensegrity Tower„, flickr.com – CC BY-SA 2.0
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