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Wer sich nicht spürt, spürt Schmerz

07. Oktober 2016

Es kommen häufiger Klienten in meine Praxis, die man mit Recht als Schmerz"patienten" bezeichnen kann.

In der Regel steckt hier schon ein gutes Jahrzehnt oder mehr an Schmerzgeschichte hinter.

Nachdem diese Menschen nach allen Regeln der Kunst durch therapiert sind, ist eine Faszienbehandlung häufig die letzte wahrgenommene Chance aus dem Therapiekreislauf auszubrechen.

Dabei mache ich die folgende Beobachtung: Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Körpergefühl und dem Schmerzzustand.

Wenn wir in der Faszientherapie am Klienten arbeiten, so geht es nicht nur darum Faszienstrukturen zu mobilisieren und zu lösen.

Gleichzeitig geht es darum, dem Klienten wieder Körpergefühl zurückzugeben. Dies geschieht, indem wir während der Sitzungen häufig Rückmeldung einholen: Dies kann durch direktes Befragen geschehen "Wie fühlt sich das an?".

Wir lassen den Klienten (oder die Klientin) auch häufiger aufstehen und Unterschiede zwischen einer behandelten und einer unbehandelten Seite erfühlen.

Hier unterscheiden sich Klienten häufig:

  • Die einen fühlen jede kleinste Veränderung. Und zwar sofort.
  • Wieder andere spüren diese, müssen aber durch möglichst unmanipulatives Nachfragen gezielt darauf hingeführt werden.
  • Manche spüren zwar etwas, trauen aber ihrem Gefühl nicht so recht, oder rationalisieren verbal gleich das Gefühlte weg.
  • Tja, und manche spüren eben nichts. Gar nichts. Selbst, wenn die Klienten nach der Behandlung einer Seite vollkommen "schief" vor einem stehen, weil eine Seite einen massiven Auftrieb bekommen hat, merken diese nichts.

Und genau letztere sind in beinahe allen Fällen auch stets die Schmerzempfinder. Erst dann, wenn wirklich etwas weh tut, merken diese Klienten irgendetwas. Schmerz scheint alles zu sein, was sie fühlen können.

Bewegen und Fühlen - Zwei Seiten der selben Medaille

Unser Zentralnervensystem (ZNS) besteht aus unserem Gehirn und dem Rückenmarks. Beim ZNS unterscheidet man zwei grundlegende strukturelle und funktionelle Teile:

  • der sensorische Teil
  • der motorische Teil

Nehmen wir etwas in der Außenwelt oder in unserem Körper wahr, so kommt dies über den sensorischen Teil in unser Hirn. Führen wir eine Bewegung aus, so geschieht dies ausgehend vom Hirn über den motorischen Teil des ZNS. Die Sensorik liefert permanent Rückmeldung ans Gehirn, was mit unserem Körper im Raum passiert oder was gerade in unserem Inneren los ist. Mithilfe dieser Informationen kann das Gehirn berechnen, was zu tun und wie es zu tun ist und dies über den motorischen Teil übermitteln. Beide Teile sind also zwei Seiten der gleichen Medaille.

Stellen Sie sich vor, Sie möchten einen Toast mit harter Butter bestreichen. Sie führen die Toast-Bestreich-Bewegung aus und erhalten über die Sensorik permanent Rückmeldung darüber, wie fest Sie aufdrücken müssen, damit der Toast nicht bricht. Entsprechend passen Sie Ihre Streichbewegungen und die Druckstärke an. Das geht so lange hin und her, bis der Toast bestrichen ist. In aller Regel sind wir uns dieser dauerhaften Feedbackschleife zischen Sensorik und Motorik in keinster Weise bewusst. Wir tun es einfach.

Dieser Zusammenhang wird uns in der Regel erst bewusst, wenn die Sensorik gestört ist. Wenn Sie bspw. im Winter mit eiskalten Fingern Gitarre spielen wollen, oder mit Handschuhen eine filigrane Schraube mit den Fingern herausdrehen möchten. Oder wenn Sie beim Zahnarzt eine lokale Anästhesie bekommen haben und sprechen wollen. In all diesen Fällen ist die Sensorik eingeschränkt und entsprechend fällt die Motorik aus.

Bewegung und Körpergefühl hängen also zusammen.

Je feiner unser Gefühl ist, desto filigraner werden unsere Bewegungen.

Und je besser unser Körpergefühl ist, desto eher merken wir, wenn bestimmte Bereiche des Körpers in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind.

Und desto eher werden wir durch geeignete Maßnahmen die Beweglichkeit erhalten oder wieder herstellen.

Was der Breitensport nicht vermittelt

Deshalb ist es so wichtig, dass man sein Körpergefühl stetig ausbaut. Dies findet im üblichen Breitensport so gut wie nie statt. Es geht stets um "höher, weiter, schneller", um das Wiederholen immer gleicher Bewegungen und das möglichst oft. Ob das nun beim Krafttraining ist oder beim Laufen.

Es geht im Breitensport um Bewegungsquantität, nicht aber um die Qualität von Bewegung. Das Ausführen von Bewegungen mit entsprechender Qualität erfordert eben auch das Erkunden und Erfühlen des eigenen Körpers.

Körpergefühl entwickeln

Kommen wir zurück zu den Schmerzklienten. Diese verfügen über wenig bis gar kein Körpergefühl. Sie können sich selbst so gut wie gar nicht wahrnehmen.

Während ein Klient mit einigermaßen intakter Körperwahrnehmung Bewegungseinschränkungen oder Muskeln, die er unnötig anspannt, spürt, übergeht unser Schmerzklient dies. Da seine Körperwahrnehmung nicht intakt ist, spürt er erst seinen Körper wieder, wenn dieser ihm diese Einschränkungen "schmerzlich" bewusst werden lässt.

Ein Lösen der entsprechenden Faszienstrukturen kann hier mindestens Linderung verschaffen. Es ist aber trotzdem zwingend notwendig, dem Klienten wieder Körpergefühl zu vermitteln.

Hierzu gibt es verschiedene Methoden, etwa Hannah Somatics oder Feldenkrais.

Sie können auch damit beginnen, sich im Alltag häufiger zu beobachten und sie dabei Fragen zu stellen wie:

  • Halte ich bei einer Bewegung Muskeln oder Muskelgruppen fest?
  • Kann ich diese Bewegung einfacher oder anders ausführen?
  • Kann ich diese Bewegung mit weniger Kraftaufwand ausführen?

Arbeiten Sie unbedingt an Ihrem Körpergefühl, denn das wird Sie vor Schmerzen in einem späteren Lebensalter bewahren.

Bildnachweis: Darragh O Connor "Mindfulness" CC BY-SA

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